EIN WENIG GESCHICHTE
(Text: Volker Piasta - Ferienwohnungen im Landhaus - Voltera/Toskana)

Volterra
Teil 2

Vom Kaiser Augustus bis zum Mittelalter

Das junge Christentum findet auch in Volterra bald Zugang. Schon der satyrische Dichter und Bürger der Stadt, Persius Flaccus (34-62 n. Chr.), drückt in seinen Werken die Unzufriedenheit mit der moralischen Dekadenz des römischen Staates aus. Erster Nachfolger des Petrus als Führer der jungen christlichen Kirche wird im Jahre 66 n. Chr. der Volterraner Linus, der 76 n. Chr. sein Leben lassen mußte. Die - wie er - heilig gesprochenen Märtyrerinnen Attinia und Greciniania bezeugen durch ihre etruskischen Namen, daß noch Ende des 3. jh. n. Chr. trotz des erdrückenden römischen Einflusses Reste der etruskischen Kultur existieren. Im 5. Jh. wird Volterra Diözese mit einem weiten Einzugsbereich. Am Ort des heutigen Domes wird eine Kirche errichtet. Anfang des 6. Jh. ist der hl. Justus (S. Giusto) Bischof der Stadt. Er soll der Legende zufolge zusammen mit den hl. Clemens und Oktavian während einer Belagerung durch die Vandalen wie durch ein Wunder Brot in die Stadt geschafft und so die Bevölkerung gerettet haben. Die zunehmenden Angriffe der Barbaren hinterlassen schwere Schäden auf Volterras Territorium. In den folgenden Jahrhunderten gehen von Volterra keine wesentlichen Impulse aus. Es bildet sich ein System der Verwaltung und Herrschaft durch vom regierenden Kaiser oder König eingesetzte Grafen und Marchese heraus. Ihre Aufgabe ist es, Recht zu sprechen und durchzusetzen, sowie Steuern einzunehmen, wofür sie Ländereien und Privilegien erhalten.

Es entsteht der Feudaladel. Mit zunehmendem Bestreben des Adels, den eigenen Machtbereich zu erweitern und die Bindung an den Souverän zu lockern, leitet sich jedoch auch der Verfall seiner Macht ein. Die Zentralgewalt wendet sich in der Suche nach neuen Verbündeten schließlich an die Bischöfe, welche durch Privilegien als Gegengewicht für die sich auflehnenden einstigen Statthalter gewonnen werden. So bilden sich zum 9. und 10. Jh. hin zwei rivalisierende Machtzentren heraus, die Städte mit den Bischöfen und das umliegende Territorium mit dem Feudaladel. Auch in Volterra geht die Macht von den Grafen auf die Bischöfe über. Dieser Prozeß ist im 11. Jh. weitgehend abgeschlossen, und der Volterraner Bischof Ruggero verfügt gegen Ende jenes Jh. über Silberminen und andere bedeutende Geldquellen, die es ihm erlauben, mit seinem Heer gegen unbotmäßige Adlige aus S. Gimignano Krieg zu führen. Die neuen Herren bauen ihre weltliche Macht aus.

In Volterra entstehen im 12. und 13. Jh. die Turmhäuser, regelrechte Stadtfestungen, die den adligen Familien in den harten Auseinandersetzungen um die Macht Schutz bieten sollen. Gegen Feinde von außen wird in der Mitte des 13. Jh. ein neuer Befestigungsring errichtet, die noch heute existierende Stadtmauer, die etwa 6.000 Menschen Schutz bietet. Schon sind neue soziale Kräfte im Erwachen. Reiche Volterraner Familien, auch aufstrebendes Bürgertum, sehen sich konfrontiert mit der weltlichen Macht der Bischöfe. Sie schließen sich zusammen, um ihre Interessen zu vertreten, es entsteht die Kommune. Man wählt Konsuln auch ohne den Segen des Graf-Bischofs, bestellt Richter und schafft eine eigene Verwaltung. In der Mitte des 12. Jh. wachsen die Konflikte mit den zu großer Macht und Reichtum gelangten Bischöfen. Galgano Pannochieschi, Statthalter des Kaisers Barbarossa, wird im Verlauf einer Verschwörung von der aufgebrachten Menge getötet - wie die Legende berichtet, auf der Schwelle des Domes. Mit dem später heilig gesprochenen Bischof Ugo dei Saladini folgt eine Periode relativen Friedens. Als er 1184 stirbt, gelangt das Amt wieder in die Hände der Pannochieschi. Die Position seines Nachfolgers Ildebrando ist schwach. Die Kommune wählt 1193 den ersten Bürgermeister (Podestà) und 1208 beginnt man mit dem Bau des ersten Kommunalpalastes der Toskana, direkt hinter dem Dom. Nach dem Tode Ildebrandos tritt 1212 sein Neffe Pagano das Amt an, der durch mangelndes diplomatisches Geschick den Konflikt mit der Kommune verschärft. 1219 entgeht er knapp einem Attentat.

Währenddessen emanzipiert sich die Stadt: Man bildet eigene Milizen, die Bevölkerung organisiert sich in politischen und berufsständischen Gruppen. Mit dem Tode Paganos 1239 geht die Ära der Pannochieschi doch auch der Nachfolger Ranieri degli Ubertini kann die alte Macht der Feudalbischöfe nicht wiederherstellen. Angesichts der Bedrohung durch Florenz, die 1254 in einem Überfall auf Volterra gipfelt, nähern sich Bischof und Kommune im Bestreben nach innerer Einheit an und 1258, ein Jahr nach Fertigstellung des Priorenpalastes, wird Ranieri zum Podestä und «Capitano del Popolo» (Milizhauptmann) gewählt. Er vereint damit zwei Ämter, deren Trennung erst fünf Jahre zuvor nach florentinischei'Muster in der neuen Verfassung geregelt worden war.

Im Jahre 1319, zur Amtszeit des Bischofs Ranieri Belforti, werden die Statuten der Kommune noch «volksnäher»: Von der weltlichen Macht ausgeschlossen werden die Patrizier, die Ghibellinen (mit Rücksicht auf das guelfische Florenz), die Militärs und der gesamte Klerus. Die Nachfolge Ranieris tritt 1321 Ranuccio Alegretti an, heftig von der auf Beherrschung der Stadt bedachten Familie Belforti bekämpft.

1340 wird er von der durch Ottaviano Belforti aufgehetzten Bevölkerung verjagt, seine Häuser werden zerstört und enteignet. Die konfiszierten Gebäude, darunter das Turmhaus gegenüber dem Priorenpalast werden, von den Belforti ersteigert. Ottaviano läßt sich zum «Bannerträger des Rechts» ernennen. Nach und nach werden ihm weitere Ämter übertragen und die Belforti stabilisieren ihre Macht. Sein Sohn und Nachfolger Bocchino hingegen macht sich durch tyrannisches Verhalten bei der Bevölkerung verhaßt. Als er schließlich in heimlichen Verhandlungen den Pisanern seine Stadt zum Kauf anbietet, erhebt sich das Volk gegen ihn. Er wird am Bogentor gefangen genommen und enthauptet. Sein Besitz wird enteignet, die Privilegien der Belforti werden annulliert. Florenz, mit den Belforti verbunden, setzt als Milizhauptmann und als Kastellan Florentiner ein, und verfestigt so seinen Einfluß in der Stadt.